Die Botschaft lautet: Jazz

Mit „Sie dürfen sich jetzt in Behandlung begeben“ hatte Kulturkreis-Geschäftsführer Hans-Joachim Klein die Herbstsaison im Burghaus Bielstein eröffnet. „Dr. Jazz Ambulanz“, die Bonner Botschafter des Jazz, „behandelten“ die Gäste im Burghaus mit richtig gutem alten Jazz. Die 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erklangen nicht nur für die, die unter akuter Jazznot litten oder gerade den zweiten Jazzfrühling hinter sich hatten.

Zu den Vorbildern der sieben Musiker gehören Orchester wie King Oliver, Fletcher Henderson, Clarence Williams, McKinney’s Cotton Pickers, Bix Beiderbecke und andere, vornehmlich schwarze Bands jener Zeit. Auch „Amerikas klassische Musik“, der Ragtime zählt zu ihrem Programm. Ragtime wird heute im Wesentlichen als Klavierstil wahrgenommen, wurde aber zunächst auch auf anderen Instrumenten (insbesondere auf dem Banjo) und von größeren Ensembles gespielt. Ob ruhige oder mitreißende Stücke, die Band riss das Publikum mit.

„Dr. Jazz Ambulanz“, das sind Marc Bothe (Kornett), Klaus M. Gronemeyer (Bass, Tuba), Wolfgang Gundlach (Klarinette, Saxophone), Uli Heier (Tenorbanjo, Gitarre), Franz-Josef Lübken (Piano, Arrangements), Stefan Roth (Schlagzeug, Gesang, Moderation) und Uwe Schollmeyer (Posaune). Roth verriet, dass er vor 50 Jahren zum ersten Mal in Wiehl war – damals hatte er die Jugendherberge in Augenschein genommen. Er gab aber auch interessante Einleitungen zu den einzelnen Stücken in denen es oft um unglückliche Liebe ging. So wie bei „Mama I Wanna Make Rhytm“ oder das „I Used To Love You“ von Fats Waller. Der wegen seines stattlichen Leibesumfangs Fats genannte Jazzer – eigentlich Thomas Wright Waller – hatte große Bedeutung in der Entwicklung des frühen Jazz der 20er Jahre zum Swing der 30er und 40er. Auch „The Minor’s Drag“ stammte von ihm – und mit „Dr. Jazz Ambulanz“ ging es dabei ab wie mit der Feuerwehr.

Voluminöse Klänge entlockte Klaus Maria Gronemeyer seiner Tuba bei „Someday Sweetheart“. Einen tollen Charleston präsentierten die sieben Musiker mit dem „Black Bottom Stomp“ von Jelly Roll Morton. Viele Musiker in der Zeit betitelten ihre Stücke mit Inselnahmen die mit „M“ anfingen, so auch das im karibischen Sound gehaltene „Martinique“. Aber von den Inseln ging es wieder zu den dramatischen Beziehungen mit „Nobodys Sweetheart Now“ oder das „Don’t Be Like That“ und auch Fats Waller hatte noch eins dabei gesteuert: „Blue Because Of You“. Nichts mit dem Land Österreich hatte das „The Ostrich Walk“ von der Original Dixieland Jass Band aus New Orleans zu tun. Das Stück stammt aus 1917 und „ostrich“ bedeutet „Vogelstrauß“. Ein nicht nur musikalisch exzellenter Abend sondern auch ein lehrreicher, der mit einem Boogie Woogie endete bei dem besonders Pianist Franz-Josef Lübken brillierte.

Sicher werden die Jazz-Doktoren wieder Mal den Weg nach Wiehl finden – vor vielen Jahren waren sie schon einmal da und können diesen und den Auftritt im Burghaus in die lange Liste ihrer musikalischen Stationen einreihen. Alle Stationen der vergangenen fast 33 Ambulanz-Jahre im Einzelnen nachzuzeichnen oder alle Auftritte in Clubs oder auf Festivals lückenlos aufzulisten, wäre den Musikern zu buchhalterisch. Aber: Sieger der WDR-Stadtmusik 1983, Rundfunkproduktionen mit WDR, NDR, SWF und Radio France, Fernsehauftritte, Fernsehfilm mit Dr. Dietrich Schulz-Köhn „Wie der Jazz nach Deutschland kam“, in- und ausländische Jazzfestivals, die „Barrelhouse Jazz Party“ in der Frankfurter Alten Oper, Konzerte in Miami, Florida – seit drei Jahrzehnten sind die sieben Musiker auf in- und ausländischen Festivals und in Jazzclubs als die „Bonner Botschafter des Jazz“ unterwegs. Mit Erfolg bringt die „Ambulanz“ den Zuhörern den mitreißenden Hot Jazz der frühen Swing-Ära nahe. Jedes Mal eine aufmunternde Behandlung der Doktor Jazz Ambulanz – auch in Bielstein.

Vera Marzinski

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Fotos: Vera Marzinski

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