„Musikprofessor“ Jürgen Becker mit „Deiner Disco“ im Burghaus

„Deine Disco“ ist das aktuelle Kabarettprogramm von Jürgen Becker. Hört sich erstmal an wie viel Musik – ist es auch. Aber bei Jürgen Becker gibt es dazu auch viel Politik, Protest und Pointen. Das Ganze als mitreißende und informative Radioshow auf der Bühne live gemischt.

„Geschichte in Scheiben – Wie Musik Politik macht“ – Jürgen verbindet pointierte Erzählungen mit echten Songs, was das Ganze zu einer Art „Live-Radio“ macht. Foto: Vera Marzinski

„Musik ist eine kognitive Power Bank“ betonte der Kabarettist, Moderator und Autor, der fast dreißig Jahre die „Mitternachtsspitzen“ im WDR moderierte. Und schon war das Bielsteiner Burghaus Publikum mittendrin in seinem innovativen Mix aus satirischem Rückblick und Musikgeschichte gelandet. Becker versprach: In der Zeit, in der alles schlecht geredet wird, möchte ich mentale Aufbauarbeit leisten!“ – der Kanzler könne das ja nicht, fügte er schmunzelnd hinzu. Dafür gab es von Becker historische Fakten mit Musik, Pointen und Anekdoten, um die Wirkung von Songs auf Politik und Gesellschaft zu zeigen. Dazu diverse Musik-Einspieler, die die Gäste gleich zum Mitsingen animierten, wie „In the summertime“ oder „I can’t get no“. Auch bei „Fiesta Mexicana“ von Rex Gildo, dass tatsächlich 1973 auf Platz eins in den Charts war – während es Pink Floyds „Dark Side oft he moon“ nur auf den dritten Platz schaffte. Das sei schon seltsam gewesen. Aber auch die alten Heimatlieder hatte Becker auf dem Kieker. Bei „Es klappert die Mühle“ sei nichts von Work-Life-Balance zu finden, da der Müller ja Tag und Nacht arbeite. Bei Kölschen Liedern ging es nie um Arbeit. Die Vier-Tage-Woche, die von den Gewerkschaften jetzt gefordert werde, lebe man in Köln seit Jahrhunderten.

Das Sauflied habe eine steile Karriere hingelegt, so Becker. Wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, „Drink doch ene mit“ oder „Geben sie dem Mann am Klavier noch ein Bier“ – die Initialzündung zur Künstlersozialkasse. Foto: Vera Marzinski

Ereignisse müssten ihre eigenen Lieder haben, fand Becker. Beim Mauerfall lagen sich die Menschen zu einer Retsina-Schnulze in den Armen – gemeint war „Griechischer Wein“ – und wohl fast jeder verbinde mit diesem Ereignis das „I’ve been looking for freedom“ vom „Gebrauchtwagenhändler“ David Hasselhoff. Dabei sei das die Restrampe von Tony Marshalls „Auf der Straße nach Süden“ aus 1978. Bei der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ klinge der Anfang sehr nach Hans Albers „Goodby Johnny“ und es sei eigentlich das Lied der Kölner am Aschermittwoch. Peter Maffays Hit „Über sieben Brücken musst Du gehen“ kommentierte Becker mit „Heute wissen wir längst: Die Brücken müssen alle saniert werden und dafür brauchen wir die Asche.“ Die bekannten Hits boten Becker viel Gelegenheit zu einzigartigen Erkenntnissen und so zeigte er anhand von Songausschnitten auf, wie Musik Politik macht. Auch die Suche nach einem „Deutschlandlied“ habe sich schwer gestaltet. Adenauer musste sich sogar 1953 beim ersten Staatsbesuch in Chicago „Heidewitzka Herr Kapitän“ anhören – obwohl man sich 1952 auf die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit dem Bockwurst Teil: „Brüh im Glanze“ geeinigt hatte. Blühende Landschaften, habe Kanzler Kohl versprochen, aber „in den fünf neuen Bundesländern wählen 80 % die AfD – da fragt man sich, wo die ganzen Pissnelken herkommen“.

Becker ist der Musikprofessor mit viel Wissen, „Deine Disco“ umfasst 90 Einspieler, unter anderem Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“ und Soffie mit „Für immer Frühling – aber auch Heino. Foto: Vera Marzinski

In Köln habe der politische Protestsong nur Erfolg, wenn man dazu schunkeln könne.
Warum passiert fast nichts durch die Klimabewegung? Becker wusste es – da fehlt ein Soundtrack. Und bei einem Blick zurück ins Jahr 1978 stellte er fest, dass es anstatt 60 Mio Autos nur 25.000 gab und Flüge in den Süden machten einmal jährlich die Zugvögel. Außer Herrn Kaiser von der Hamburg Mannheimer gab es keine Influenzer. Aber er hatte einen Soundtrack für unsere neue Zeit, den er an seinem „Mischpult“ – wo er die Lieder anklickte und mit einem Single Lever Control (Einhebelschaltung wie auf einem Boot) die Lautstärke offensichtlich anglich – einspielte. Da passe nämlich das Lied von Vicky Leandros: „Glaub mir, ich liebe das Leben. Das Karussell wird sich weiterdreh’n“. So servierte Jürgen Becker ein Kabarettprogramm, wie es noch keines zuvor gegeben hatte: mit viel Politik, Platten, Protest und Pointen – eben als mitreißende Radioshow auf der Bühne live gemischt.

Vera Marzinski

Die nachfolgende Bilderserie wird Ihnen präsentiert von:


 

Zum Vergrößern der Fotos bitte Vorschaubilder anklicken.

Fotos: Vera Marzinski

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert